Autonomes Fahren kommt schneller als wir alle denken

Der Mobilitäts- und Datenschutzexperte Prof. Dr. Lüdemann erläutert auf dem 2. MOVING Experten-Forum, warum autonomes Fahren bald auch in Deutschland Realität wird.

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Jörg-Michael Satz (links) und Prof. Dr. Lüdemann (rechts)

Starker Tobak zu Beginn: „Ich sehe die Dinge ganz anders“, gestand Prof. Volker Lüdemann. Sein Widerspruch galt den Vorrednern aus der Politik und allen, die eine behutsame, fast schleichende Entwicklung zum autonomen Fahren vorhersagen. „Die Übergangszeit zu selbstfahrenden Automobilen geht wesentlich schneller als wir alle denken“, wiederholte Prof. Volker Lüdemann seine Kernthese. Als Experte für Datenschutz und Mobilität gab er einen aktuellen Überblick über den weltweiten Stand der Technologie.

Er führte den Schweizer Pilotversuch mit autonomen Minibussen in Sitten an, sprach von Norwegen, das in 10 Jahren keine Autos mit Verbrennermotoren mehr zulassen will und referierte von weiteren Entwicklungen in und außerhalb Europas. Und trotzdem zog sich ein Unternehmen wie ein roter Faden durch seine Ausführungen: Google. Oder präziser ausgedrückt: Alphabet Inc., die Konzernmutter von Google. „Das Auto gehört zu den wichtigsten Datensammlern“, erklärte Lüdemann, „und damit ist klar, wohin sich unsere Mobilität entwickeln wird. In der Zukunft entscheidet der Datenzugriff über den wirtschaftlichen Erfolg.“

Als Jurist und ehemaliger VW-Manager war der Professor an der Hochschule Osnabrück prädestiniert für einen entschlossenen Weckruf. Dazu benötigte er keine langen Worte. Er musste lediglich auf den riesigen Nachholbedarf der deutschen Wirtschaft im Bereich Big Data hinweisen. „International gesehen ist die Technologie viel schneller als in Deutschland,“ setzte Lüdemann entschlossen nach. Er ist überzeugt davon, dass Google, Apple & Co. gerade dabei sind, unsere Zukunft völlig neu zu definieren – und zwar inklusive unserer Mobilität. „Bis diese Standards zu uns nach Deutschland herüber schwappen, wird es nicht mehr lange dauern“, so Lüdemann. „Und wenn dann die weltweiten Standards gesetzt sind, ist der Druck auf die deutsche Politik und die deutsche Automobilindustrie so groß, dass die Sache mit dem autonomen Fahren recht plötzlich vonstatten gehen wird.“ Dass aus diesem Szenario keine allzu optimistischen Prognosen für die Fahrschul-Branche resultieren würden, konnte keinen Zuhörer mehr überraschen.

Lüdemann beschrieb die Mobilität der Zukunft mit lediglich drei Worten: „Einsteigen – Sprechen – Aussteigen.“ Die Frage stand also im Raum: Bei welcher dieser drei Tätigkeiten sollte ein Fahrlehrer noch helfen? Tatsächlich verneinte der Professor jeglichen Schulungsbedarf bei den Digital-Natives von morgen. „Nur bei den Senioren und den Menschen, die sich mit der digitalen Welt schwer tun, können Fahrlehrer noch gebraucht werden“, schränkte Lüdemann beinahe versöhnlich ein. Aber er hatte noch weitergehende Überlegungen. „Eine irgendwie geartete Grundschulung wird es immer geben. Dafür wird der Gesetzgeber schon sorgen“, zeigt sich Lüdemann gewiss. Hierin erkennt der Experte auch die Rolle, die Fahrlehrer langfristig ausfüllen sollten. Er sieht sie als unabhängige Vertrauensperson rund um das Auto und als pädagogischen Experten an der Schnittstelle Technik- Mensch.

Allerdings: Auf die Frage, wann genau seine Prognosen Realität werden, wollte der Professor kein genaues Datum nennen. In einem Hintergrundgespräch nach seinem Vortrag kam er auf diesen Punkt zurück. Seine Zurückhaltung beim Zeitpunkt hat gute Gründe. Er erklärte: „Wir sprechen über gesamtgesellschaftliche Entwicklungen. Dabei Prognosen zu stellen, wäre nicht seriös.“