„Respekt hängt von der Kompetenz des Fahrlehrers ab“

Warum sprechen wir plötzlich über Durchfallquoten? Was ist heute anders als früher? Der mobilmacher sprach mit Thomas Wimmer, Fahrlehrer, Dozent und Fachautor.

Plötzlich diskutiert die Öffentlichkeit über Fahrschulen – vor allem in Bayern, wo Tageszeitungen über Durchfallquoten und ihre Hintergründe spekulieren.  Fehlt den Jugendlichen von heute die Motivation? Liegt es am nachlassenden Respekt gegenüber Straßenverkehr oder Fahrlehrern? Thomas Wimmer,  bayrischer Fahrlehrer, Dozent und Fachautor kommt zu einem anderen Ergebnis. Der mobilmacher hat mit ihm gesprochen.

mobilmacher: Laut Kraftfahrtbundesamt bestand mehr als jeder Dritte seinen Führerschein in Bayern nicht auf Anhieb. Die Durchfallquote bei der theoretischen Prüfung stieg innerhalb zehn Jahren von 26 Prozent auf 34 Prozent. Die Öffentlichkeit rätselt. Fehlt den Fahrschülern von heute etwa die notwendige Motivation?

Thomas Wimmer: Ja und Nein. Tatsächlich hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles verändert. Früher haben die Menschen den Führerschein gebraucht, weil er Freiheit und Unabhängigkeit ermöglichte. Dieses Gefühl genießen die Jugendlichen heute, bevor sie Autofahren dürfen: im Internet. Trotzdem machen sie alle den Führerschein, früher oder später. Die Motivation ist dabei unterschiedlich ausgeprägt.

Welche Unterschiede stellen Sie fest?

Grob lassen sich Fahrschüler in zwei Gruppen aufteilen. Eine Gruppe besteht aus den Mädchen und Jungen vor oder an der Schwelle zum 18. Lebensjahr. Sie werden häufig noch von Eltern motiviert, weil diese der Meinung sind, ein Führerschein gehöre eben zum Leben dazu. Die zweite Gruppe besteht aus denjenigen, die um die Zwanzig in die Fahrschulen strömen, weil sie bemerken, dass sie den Führerschein brauchen. 

Hängt die Wertschätzung dem Fahrlehrer gegenüber davon ab, zu welcher Gruppe der Fahrschüler gehört?

Ich denke nicht. Der Respekt, den die Fahrschüler dem Fahrpädagogen entgegen bringen, hängt immer von der Kompetenz des Fahrlehrers ab. 

Nehmen wir an, sie unterrichten ein 16-jähriges Mädchen, das erkennbar von den Eltern überzeugt wurde, sofort den Führerschein zu machen. Wie sorgen Sie für die notwendige Motivation?

Motivation muss von innen kommen. Deshalb muss man als Fahrpädagoge einen Schritt zurücktreten – in dem man die Frage der persönlichen Motivation offen anspricht. „Wie kriege ich es hin, dass Du den Führerschein wirklich willst?“, wäre beispielsweise eine Auftakt, der Türen öffnen könnte. Hier ist der Pädagoge gefordert. Er muss aus der Situation des Beste machen für alle Seiten – für seine Kundin auf Fahrersitz und für seine zahlenden Kunden, also die Eltern. Die Motivation anzusprechen, gehört in diesem Fall dazu. Nur wer motiviert ist, wird Lerninhalte aufnehmen können.

Es wird spekuliert, die höheren Durchfallquoten könnten mit der höheren Zahl von ausländischen Fahrschülern zu tun haben.

Das ist möglich. Allerdings fehlen belastbare Zahlen.

Wie ist Ihr persönlicher Eindruck?

 Mit aller Vorsicht formuliert: Da könnte etwas dran sein. Vordergründig sind natürlich die Sprachprobleme zu nennen. Viele ausländische Fahrschüler absolvieren die Prüfung in einer anderen als ihrer Muttersprache. Dazu kommt noch das Thema Kultur, im Speziellen die Fahrkultur. Es ist doch so: Vielen Umschreibern muss man das Autofahren eigentlich nicht beibringen. Das können sie bereits. Was sie nicht kennen, ist die Art unseres Straßenverkehrs und wie wir hier Regeln beachten. Das teilweise völlig neu für sie. Hier sehe ich Handlungsbedarf bei manchen Fahrlehrern. Es geht um die interkulturelle Kompetenz, die ein Fahrlehrer heutzutage haben sollte. Nach meiner Überzeugung sollte daraufhin verstärkt ausgebildet werden. 

Themenwechsel. Es soll Kollegen geben, die behaupten, die Fahrschüler von heute wären allgemein weniger begabt.

Das ist gewiß falsch. Aber ich kann mir diesen Eindruck durchaus erklären. Erstens hängt es mit der klassischen Lehrerfalle zusammen. Diese Falle gibt es schon seit tausend Jahren. Sie kann zuschnappen, weil Lehrer im Laufe Ihrer Karriere immer tiefer ins Thema eindringen. Diese Lehrer werden allerdings mit Schülern konfrontiert, die stets auf dem selben Niveau zu ihnen kommen. Das Lehrerwissen schreitet also fort. Die Schere zwischen Lehrerwissen und Schülerwissen wird mit den Jahren größer. Anders ausgedrückt: Die einzelnen Fahrlehrer werden klüger, die Schülern nicht. Daher der falsche Eindruck.

Und zweitens?

Die Kompetenzen, die die Fahrschüler mitbringen, haben sich stark verändert. Sie können zwar nicht unbedingt Traktorfahren, aber dafür schon mit hochkomplizierten technischen Geräten umgehen. Die Fähigkeiten der Schüler  haben sich verlagert. Im Grunde ist das eine gute Botschaft für jede Fahrschule. Als Fahrpädagoge ist man vollumfänglich gefordert. Weil die Schulung auf hohem Niveau stattfinden kann, inklusive moderner Lernmethoden.

Welche Gründe sind letztlich für die steigende Zahl der nicht-bestandenen Prüfungen verantwortlich?

Ich sehe die steigende Zahl der Prüfungen, die in fremden Sprachen absolviert werden. Aber auch die enorme Belastung, unter der die Jugend heute steht. Insgesamt müssen die Jungen viel mehr Prüfungen machen als früher. Da kann es schon mal passieren, dass ein Schüler die Prüfung auf die leichte Schulter nimmt. 

Die Fahrschüler fallen häufiger in der Theorie durch als in der Praxis. Wie könnte das zustande kommen?

Die Anforderungen an die fahrpraktische Prüfung haben sich nur wenig verändert, die Fragen der theoretischen Prüfung schon. Zum einen sind die Fragen umfangreicher geworden, in Bayern haben wir etwa 1100. Zum anderen sind die Fragestellungen komplexer geworden, auch durch die bewegten Szenen. Jetzt werden nicht nur Fakten abgerufen, sondern zusätzlich die Beobachtung. Viele Sinne sind beteiligt. Das macht es durchaus schwieriger.

Herr Wimmer, vielen Dank für Ihre Einschätzungen.

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