„Die Windschutzscheibe hat Konkurrenz“

Prof. Dr. Arnd Engeln, Diplom-Pädagoge und Psychologe, hat sich jahrzehntelang in vielen Projekten und Zusammenhängen mit Verkehrs- und Fahrerpsychologie befasst. Er sieht den Autofahrer vor neue Herausforderungen gestellt.

Was Autofahrer hinterm Lenkrad tun und lassen, dafür interessiert sich der Verkehrspsychologe Prof. Dr. Arnd Engeln. Seine konkreten Fragen: Was treibt der Fahrer? Wie verhält er sich? Was geht in ihm vor?

Indem er Antworten sucht, hat er schon manch konkrete Erkenntnis gewonnen, die weit übers Lenkrad hinaus weist, hinein in die Zukunft des Fahrens. So zitiert Engeln aus der Bitkomstudie, dass mehr als die Hälfte aller Autofahrer manchmal oder häufig mit dem Smartphone telefonieren. Ungefähr 45% geben sogar ihrer Neugierde nach und lesen Textmitteilungen. So überraschend die Zahlen für Sicherheitsexperten sein mögen, so wenig wundert sich der Verkehrspsychologe. Obwohl das Infotainment hohe Sicherheitsrisiken beinhaltet, die auch weitgehend bekannt sind, lassen sich viele Autofahrer nicht davon abhalten, nebenher andere Dinge zu erledigen.

Nach Engeln ist dies typisch für den allgemeinen Trend. Die Windschutzscheibe bekommt zunehmend Konkurrenz. Der Blick schweift ab, nicht nur auf die Rückspiegel, die Geschwindigkeitsanzeige oder das Navigationssystem, sondern eben auch auf Smartphones und andere Infotainmentsysteme, wie die modernen Unterhaltungsund Informationssysteme auch genannt werden. Engeln erklärt, wie der „second screen“, der sogenannte zweite Bildschirm, im Fahrzeug Einzug hält. Wie in anderen Bereichen des täglichen Lebens sei dieses Phänomen auch in der individuellen Mobilität zu beobachten. Wer Fernsehen schaut, sei währenddessen auf einem anderen Bildschirm, möglicherweise einem Smartphone oder einem Tablet unterwegs, um sich in Echtzeit mit seinen Freunden auszutauschen. Dieses Verhalten wird auch als „second screen“ bezeichnet – und ist in vielen Fahrzeugen – neben dem oft verfügbaren Smartphone – inzwischen auch fest installiert in der Mittelkonsole vorzufinden. Dadurch wenden sich viele Fahrer zeitweise von der Windschutzscheibe ab, um das Angebot des „second screen“, anzunehmen. Aufgrund der zunehmenden Informationsangebote im Fahrzeug wünschen sich die Fahrer vermehrt Fahrer-Assistenzsysteme und andere Automatiken. Man will für sich selbst Kapazitäten gewinnen, um sie für andere Tätigkeiten einzusetzen, die parallel zum Autofahren ausgeübt werden können. Hier entsteht die Frage, wie der Fahrer in der Lage bleiben kann, bei Ausfall einer Automatik rechtzeitig und geeignet die Fahraufgabe wieder zu übernehmen. Trotzdem steht er der Entwicklung nicht negativ gegenüber. „Der Fahrer muss lernen, mit dem neuen Informationsangebot verantwortungsvoll umzugehen und die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Hierzu müssen ihm die Systeme im Fahrzeug helfen und in der Ausbildung muss das erforderliche Bewusstsein geschaffen werden“, so Engeln.

WAS BEDEUTET DAS FÜR DIE FAHRLEHRER?

Wie schon sein Vorredner Karsten Löwenberg sprach auch der Prof. Arnd Engeln vom enormen Schulungspotenzial, das in der Zukunft auf die Fahrschulen zukomme. Dabei unterschied er in ältere Fahrer und jüngere Fahranfänger. Bei den Routiniers würde es verstärkt darauf ankommen, die neuen Fahrzeugtechnologien zu erklären und ihre Nutzung zu trainieren. Schließlich würde Autofahren durch Assistenzsysteme keineswegs einfacher, was die Bedienung betrifft. Bei Fahranfängern, so Engeln, käme es neben den selbstverständlichen Fahrfertigkeiten vor allem darauf an, die Verkehrsaufmerksamkeit zu schulen, das Wahrnehmen von Verkehrssituationen und auch: das Rückübernehmen von Funktionen, wenn im Bedarfsfall eine teilautomatische Funktion nicht zur Verfügung steht oder nicht gewünscht wird. All dies seien neue Aufgaben, für deren Vermittlung nicht zuletzt die Fahrschulen gefordert sind.

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