Autonomes Fahren: Fantasie oder Realität?

Wohin steuert die Mobilität? Was macht das autonome Fahren mit unseren Fahrschulen? Welche Chancen ergeben sich – und welche Risiken? Auf dem 2. MOVING Experten-Forum in Berlin wurden Fragen diskutiert, die an die Substanz der Branche gehen – und an den Kern unserer Gesellschaft. Da abschließende Antworten Mangelware bleiben, erlebten die zahlreichen Gäste einen Tag zwischen skeptischem Stirnrunzeln und kompletter Faszination.

Die Vertretung des Landes Niedersachsen liegt in Berlin-Mitte in den sogenannten Ministergärten. Aus dem großzügigen Foyer des Gebäudes schaut man nach gegenüber, wo sich hinter den Bäumen die gläserne Kuppel des Reichstages empor schraubt. Vor diesem Hintergrund verfolgten die Gäste des 2. MOVING Experten- Forums eine spannungsgeladene, teilweise kontroverse Diskussion über die Zukunft der Mobilität im Allgemeinen und das autonome Fahren im Besonderen.

Der Zeitpunkt schien optimal gewählt. Am Vortag der Veranstaltung hatte US-Präsident Obama einen 15-Punkte-Plan präsentiert, mit dem Hersteller für die Sicherheit ihrer selbstfahrenden Autos garantieren sollen. Google, Apple und Tesla sind offenbar schon einen Schritt weiter. Trotz aller Ankündigungen fahren deutsche Automobilhersteller mit Sicherheitsabstand brav hinterher. Aber nicht nur in Amerika, auch in der Schweiz ist man ein paar Stundenkilometer schneller, zum Beispiel in Sitten (frz:. Sion). Dort sind seit Sommer 2016 kleine Postbusse unterwegs, in denen der Fahrer nur noch einen Notfall-Bremsknopf drücken kann. Sonst kann er nichts mehr tun. Muss er auch nicht. Das Lenkrad ist bereits verschwunden. Nur 11 Personen finden in den Mini-Bussen Platz. Die Geschwindigkeit ist auf 20 Stundenkilometer begrenzt. Aber auf Fassungsvermögen oder Tempo kommt es nicht an. Vielmehr auf den Innovationsgrad. Auf dem Stufenmodell, das zum automatisierten Fahren führt, ist der Schweizer Pilotversuch schon weit fortgeschritten. Zwischen Stufe 3 (teilautomatisiert) und 4 (vollautomatisiert) taxieren ihn die Experten. Das Modell hat insgesamt nur 5 Stufen. Sind wir also bereits oben, ohne dass man es in Deutschland bemerkt hätte?

TRAUM UND REALITÄT

Natürlich träumen auch hierzulande die Technologie-Freaks. Sie fantasieren vom Straßenverkehr ohne Lenkräder. Sie prognostizieren eine Unfallquote von 0,0%. Sie fabulieren von allwissenden Algorithmen, die der Fahrgast auf Zuruf bedient – und sicher ans Ziel führt, während er damit beschäftigt ist, Pokemons zu jagen. Schöne neue Welt oder Orwell’scher Big Brother? Völlig egal, wie man der Entwicklung gegenübersteht: Es ist der große Megatrend. Und das Thema, das am langen Horizont über Wohl oder Wehe der gesamten Fahrschulbranche entscheidet. Dass die allgegenwärtige Digitalisierung gravierende Auswirkung auf die Fahrschulbranche hat, daran ließ Jörg-Michael Satz überhaupt keine Zweifel. Als Präsident der MOVING Road Safety Association e.V., einer Interessenvereinigung europäischer Verkehrsverlage und Unternehmungen, die im Bereich der Fahrerlaubnisausbildung tätig sind, lud er wichtige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft dazu ein, über die Zukunft der Mobilität und der Fahrlehrer zu diskutieren.

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rechts: Jörg-Michael Satz

Satz begrüßte seine Gäste augenzwinkernd, indem er ihnen einen strahlend weißen Tesla vor die Nase setzte, den er dekorativ im Foyer postierte. Das prächtige Symbol der automobilen Zukunft stand als kleine, aber feine Provokation in den Räumen des Landes Niedersachsen, der Heimat von Volkswagen. In seiner einführenden Rede nahm Satz prompt Bezug auf das fortschrittliche Fahrzeug. Wie andere Branchenvertreter hatte sich auch der Präsident der MOVING über einen VW-Manager gewundert, der kürzlich über die Abschaffung des Führerscheines fabuliert hatte. Doch die kleine Tesla-Spitze war schnell vergessen. Es dauerte nämlich nicht lange, bis es zur Sache ging.

PROGNOSEN SIND SCHWIERIG. ABER DAS IST NUR DIE HALBE WAHRHEIT

Norbert Barthle, parlamentarischer Staatssekretär des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur trat ans Mikrofon. Der Verkehrsexperte war eigens angereist, um den Gästen persönlich die Standpunkte der Bundesregierung darzulegen. Er bekräftigte nochmals das positive Fortschreiten der Reform des Fahrlehrergesetzes, um dann zum eigentlichen Punkt zu kommen: „Der Beruf des Fahrlehres hat eine gute und große Zukunft vor sich“, versprach er den Zuhörern. Dabei bezog ersich vor allem auf die verschiedenen Übergangsphasen, die es noch benötigen würde, bis wir in ferner Zukunft autonom unterwegssein würden.

Deutlich konkreter wurde Arnold Vaatz, der als stellvertretender Vorsitzender der CDU/ CSU-Bundestagsfraktion für Verkehr und Infrastruktur zuständig ist. Vaatz betonte, dass trotz allen Fortschritts die Souveränität über Strecke und Zeitpunkt (die sogenannte Routen- und Fahrplansouveränität) sowie die Verantwortung über den gesamten Vorgang des Fahrens beim Fahrer bleiben müsse. Aus dieser Sicht heraus eröffnete er den Fahrlehrerinnen und Fahrlehrern ein weites Feld zukünftiger Aufgaben. „Weiter als bisher“, so Vaatz, schließlich „wird das Regelwerk im Straßenverkehr immer komplizierter“. Außerdem müssten Haftungsregel und alle neuen Rahmenbedingungen den zukünftigen Fahrern vermittelt werden.

Arnold Vaatz / MOVING / Fahrschulen / Berlin / Experten-Forum
Arnold Vaatz, MdB

Natürlich sollte auch die Politik eine wichtige Aufgabe übernehmen, betonte der ehemalige DDR-Bürgerrechtler. Es sei ein wichtiger politischer Prozess, die ethischen Maßstäbe an eine verantwortungsvolle Gestaltung der Mobilität zu definieren und umzusetzen, so Vaatz. Ob der rasanten technologischen Entwicklungen und der damit verbundenen Fantasien forderte der CDU-Politiker alle Beteiligten dazu auf, das richtige Augenmaß zu behalten. Vaatz wörtlich: „Statt von den großen infrastrukturellen Umwälzungen zu sprechen, ist es doch besser, das zu tun, was auf der Hand liegt. Wir müssen aufhören, über die Digitalisierung der gesamten Welt zu philosophieren, sondern uns besser um die Nachrüstung alter Lkw mit Notbrems-Assistenten kümmern.“ Ohne Luft zu holen zählte Vaatz eine Reihe weiterer Aufgaben auf, die vordringlich umzusetzen seien, unter anderem die Durchsetzung von Abstandsregulierung, die Vermeidung von Geisterfahrern und das Baustellenmanagement. In all diesen Punkten, betonte Vaatz, „ist noch Luft nach oben“.

Wie dringlich diese Dinge angegangen werden müssen, machte der Politiker deutlich, indem er Alter der Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen ansprach: 9,2 Jahre im Durchschnitt! Vor diesem Hintergrund schloß Vaatz seine Ausführungen mit der Feststellung: „Digitalisierung im Straßenverkehr ist keine Sache von heute auf morgen.“ Was als Grußwort gedacht war, geriet zu einem überzeugenden Plädoyer für eine technologische Entwicklung mit Augenmaß. Doch die nachfolgenden Redner ließen sich nicht davon beirren. In der Folge wurde der Fokus des Fernglases auf unendlich gestellt. Die Frage, wie lange es noch wohl dauern würde bis zum automonen Fahren, beschäftigt die Gäste mehr als die aktuellen Defizite, mit denen manche bereits vertraut waren. In Prof. Dr Lüdemann und Prof. Dr. Markus Hackenfort waren zwei hochkarätige Experten vor Ort, die keinesfalls davon zurückschreckten, mutige Prognosen zu stellen.

JÖRG-MICHAEL SATZ: „FAHRLEHRER AKTIV EINBINDEN!“

Trotz aller unterschiedlichen Standpunkte wurde in der Diskussion deutlich: Der gesamte Prozess bis hin zum vollautomatisierten Fahren bringt einen hohen Schulungsbedarf mit sich. Dementsprechend kommt auf die Fahrschulen ein Bündel an Aufgaben zu, das für eine entsprechende Auslastung sorgen wird. So formulierte Jörg-Michael Satz auch einen abschließenden Appell, der weit über die niedersächsische Landesvertretung Gehör fand: „Ich möchte an dieser Stelle die Politik und die Fahrzeughersteller auffordern, die Experten, nämlich die Fahrlehrer, aktiv in den anstehenden Veränderungsprozess einzubinden. Denn Software allein wird dies nicht leisten.“

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