Wertschätzung ist alles

„Der Fahrschüler ist während der Fahrstunde die wichtigste Person in unserem Leben.“ Diese Klarstellung stammt von Thomas Wimmer, der sich als Fahrlehrer, Dozent und Fachautor um die Branche verdient gemacht hat. Doch in der täglichen Praxis beobachtet er häufig ein Problem: die mangelnde Wertschätzung den Fahrschülern gegenüber. Für den mobilmacher ist er diesem Thema nachgegangen und gibt Hilfestellungen in wichtigen, weil allzu menschlichen Situationen. 

Kann man Wertschätzung lernen? Ich glaube ja! Bei der Wertschätzung geht es per Definition darum, wie ich den Wert einer Person oder einer Sache für mich einschätze. Da ich grundsätzlich darüber entscheiden kann, welche Gedanken ich denken will und welche nicht, kann ich also entscheiden, was und wen ich wertschätze – und was und wen nicht. Gleich ein Beispiel: Ein Fahrschüler, der sich aus irgendeinem Grund nicht so verhält, wie es für den Fahrlehrer gerade wünschenswert wäre, sitzt im Auto, während der Fahrlehrer noch einmal zurück in die Fahrschule geht. Dort trifft er auf einen Kollegen. Der Fahrlehrer gibt sofort seinen Unmut weiter. Jetzt wird hemmungslos über „dumme“ Fahrschüler abgelästert. Trägt diese Unterhaltung dazu bei, den Fahrschüler wertzuschätzen? Diese Situation ist unter anderem deshalb inakzeptabel, weil wir darin Dinge verknüpfen, die nichts miteinander zu tun haben. Wir bewerten Handlungen und schreiben die Bewertung der Handlung der Person zu. Der Fahrschüler hat Schwierigkeiten beim Einparken. Das ist nicht gut. Aber nicht die Person ist nicht gut, sondern das Einparken! Unser Denken neigt dazu, Person und Handlung über einen Kamm zu scheren. Da wir Fahrlehrer sind, ist es unsere Aufgabe, das Einparken zu verbessern. Unsere Gedanken entscheiden, wie wir mit unseren Fahrschülern umgehen. Diese Gedanken können wir bestimmen. Bei der Trennung von Person und Handlung geht es los.

Es geschieht eine zweite, fatale Sache: Der Fahrschüler wird unsere negative Einstellung ihm gegenüber bemerken. Wir können unsere Einstellung anderen gegenüber nicht vollends verbergen. Unbewusste Signale wie Körperhaltung, Gesten oder Tonfall werden vom Unterbewusstsein des Fahrschülers wahrgenommen und interpretiert. Die Folge: Seine Wertschätzung dem Fahrlehrer gegenüber schwindet. Sein Vertrauen sinkt. Seine Leistungen stagnieren oder sinken. Das Selbstwertgefühl des Fahrschülers verschlechtert sich aufgrund seiner schlechteren Leistungen. Die Wertschätzung des Fahrlehrers gegenüber dem Fahrschüler nimmt ab. Und so weiter und so fort.

MENSCHEN WOLLEN WERTGESCHÄTZT WERDEN

thomas-wimmer-praxistipp-nr-1Ich selbst bereite mich auf meine Fahrstunden und Vorträge oder Workshops vor. Ich übe mich in Wertschätzung. Ich wähle meine Bekleidung entsprechend dem Anlass. Für meine Vorträge und Workshops trage ich zum Beispiel eine Holzfliege, in den Fahrstunden wird die vorgegebene Arbeitsbekleidung getragen. Bekleidung ist ein leicht wahrzunehmender Ausdruck von Wertschätzung. Auch sich selbst gegenüber. Karl Lagerfeld soll einmal gesagt haben: “Wer in der Öffentlichkeit Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Vor meinen Fahrstunden und Vorträgen informiere ich mich über mein Gegenüber. Ich kenne die Namen meiner Fahrschüler und natürlich auch die Namen meiner Lehrgangsteilnehmer. Darum meine Empfehlung: Nennen Sie ihre Fahrschüler beim Namen, am besten beim Vornamen. Zeigen Sie echtes Interesse an den Menschen um sich herum. Je mehr Sie über diese Menschen wissen, desto leichter können Sie sich in sie hinein versetzen. Ihre Arbeit wird dadurch erheblich leichter. Hören Sie zu. Sammeln Sie so viele Informationen wie möglich. Geben Sie auch Feedback als Signal, dass die Information bei Ihnen gut angekommen ist. Das nennt man aktives Zuhören. Zeigen Sie, dass Sie der Andere berühren darf. Reichen Sie zur Begrüßung die Hand. (Achtung, dies könnte in manchen Kulturkreisen auch nicht erwünscht sein, also informieren Sie sich.) Besuchen Sie Kurse und Vorträge, in denen Sie mehr über Körpersprache, Kulturkompetenz und all die Dinge erfahren können, die Sie benötigen.

WERT MUSS BEWERTBAR SEIN

Wie bewerten wir Dinge? Manche bemessen alles über einen Geldwert. Aber es gibt Dinge, die so wertvoll sind, dass wir sie mit Geld nicht bezahlen können. Etwa ein Menschenleben. Wir als Fahrlehrer schützen Menschenleben. Wie jämmerlich ist vor diesem Hintergrund, eine Preisdiskussion zu führen. Wer sich selbst nichts wert ist, wird auch seinen Preis nicht einfordern. thomas-wimmer-praxistipp-nr-2Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin der Meinung, dass gerade bei Fahrlehrern der Wert einer Fahrstunde sehr unterschiedlich sein kann. Ein Fahrlehrer, der als sogenannter Legalstatist arbeitet, kann für seine Arbeit nicht das Selbe einfordern wie ein Fahrlehrer, der seinen Job gut macht und darin aufgeht. (Legalstatist bezeichnet eine Person, die durch ihre bloße Anwesenheit die Tätigkeiten eines Anderen legalisiert. Legalstatist ist der Fahrlehrer, der während der Fahrstunde Zeitung liest, telefoniert, oder – Sie glauben es nicht – auf dem Handy Videos ansieht.)

UNSER WERT LIEGT IN DER MENSCHLICHKEIT

Über kurz oder lang werden Maschinen das Übermitteln von Fakten auch in unserem Beruf übernehmen. Der Simulator ist ein erster Schritt in diese Richtung. Er erklärt bereits, wie Kupplung und Lenkrad funktionieren. Aber eines wird er nie übernehmen: Ängste und Sorgen des Fahrschülers erkennen und dafür Verständnis und ein offenes Ohr haben. Als Fahrlehrer werden wir in unserem Beruf leider deutlich unterschätzt. Wir begleiten junge Leute auf einem wichtigen Teil ihres Erwachsenwerdens. Der junge Mensch nabelt sich ab, wird mobiler und muss dafür die Verantwortung übernehmen. Einigen Fahrschülern fällt genau dieser Prozess schwer. Es ist die Aufgabe des Fahrlehrers, dies zu erkennen und seinen Fahrschüler bei diesem Prozess zu begleiten. Der Eine oder Andere wird jetzt sagen: „Ich bin doch kein Psychologe! Das ist doch nicht meine Aufgabe.“

IM RICHTIGEN MOMENT DA SEIN

Natürlich sind wir keine Psychologen. Aber wir sind diejenigen, die in diesem Moment für Fahrschüler da sind. Nach über 30 Jahren erinnere ich mich an jeden meiner Fahrlehrer und stelle fest, dass einige dieser Situationen aus meiner Fahrausbildung, an die ich mich erinnern kann, mein Leben stark beeinflusst haben. Der Führerschein hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert.

thomas-wimmer-praxistipp-nr-3Um mit den Worten des Themas zu sprechen: Er wird wertgeschätzt. Im Gegensatz dazu versagt die allgemeine Wahrnehmung allerdings dem Berufsbild des Fahrlehrers die angebrachte Wertschätzung. Dabei ist der Fahrlehrer doch derjenige, der die jungen Menschen in einer kritischen Phase begleitet. Darum frage ich mich: Woran könnte das liegen? An uns selbst?? Dazu ein letztes Beispiel: Zum Einstieg meiner Weiterbildungstage stelle ich mich mit Beruf und Namen vor „Thomas Wimmer, Fahrlehrer.“ Zu einem späteren Zeitpunkt frage ich nach meinem Beruf. Spannenderweise bekomme ich nie die Berufsbezeichnung, mit der ich mich vorgestellt habe. Statt dessen höre ich abenteuerliche Bezeichnungen wie „Fachpädagoge in Erwachsenenbildung“. Was ist schlecht an unserer Berufsbezeichnung? Ich bin davon überzeugt: Wir und unser Beruf sind es Wert, als solches wertgeschätzt zu werden. Schließlich sind wir die Grundlage für Mobilität in unserem Land und damit leisten wir einen erheblichen Beitrag zum Wohlstand und zur Funktion dieser Gesellschaft. Wir dürfen auf unseren Beruf wesentlich mehr halten. Was wir tun, ist wertvoll! Ihr Thomas Wimmer, Fahrlehrer.

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